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  17. Dezember 2005

TENNIS – Amélie Mauresmo, Siegerin des diesjährigen Masters, Nr. 3 der Welt, gab Matin ein exklusives Interview. Es ging natürlich um sie, aber auch um ihr Land, ums Geld... und um Martina Hingis.

ROGER JAUNIN - Genf

Genf, Nieselregen, der Himmel hängt tief über der Stadt. Wen kümmert es, die Sonne scheint in der dritten Etage. Ein prunkvolles Gebäude, ein ganz schön unordentliches Apartment. Amélie Mauresmo sagt: „Achten Sie gar nicht darauf...“. Geht zu einem Sessel, setzt sich, wirft immer wieder eine rebellische Strähne zurück. Zu ihren Füßen ihr Hund Sophia, auch sie mit blondem Glanz. Fragen an einen Champion.

Q: Amélie, woran denken Sie bei der Zahl 9412?

A: Sollte ich das wissen? So sehr ich auch darüber nachdenke, offen gesagt, ich weiß es nicht! Das ist die Anzahl Zuschauer, die sich am 13. November in Las Vegas für Mary Pierce und Sie zu „Standing Ovations“ erhoben haben. Ein unglaublicher Moment. Ein Publikum, das nicht unbedingt über Tennis-Dinge auf dem Laufenden ist, das aber plötzlich daran Gefallen fand und applaudiert hat, ein Finale gegen Mary... und ich habe gewonnen, was bis jetzt der größte Titel meiner Karriere ist.

Q: Sie strahlen richtig. Sprechen wir noch weiter darüber.

A: Ich erinnere mich: wie eine Welle, das Adrenalin, das durch den Körper fährt, das Gefühl zu schweben… Etwas sehr sehr starkes, umso stärker, da ich von weit her zurückgekommen bin, denn einige Wochen zuvor war ich, wie man so schön sagt, wirklich ganz unten.

Q: Und da Ihnen viel im Kopf herumgegangen ist...

A: Da war die enorme Enttäuschung des verlorenen FedCup-Finales gegen die Russinnen. Ja, da musste ich wirklich alle Kritik einstecken. Ich hatte keinen Rhythmus mehr, nicht mehr die geringste Sicherheit, ich war ausgelaugt, physisch wie mental, ich musste eine Pause machen. Ich wollte weiterspielen und habe zweimal in der ersten Runde verloren, in Moskau und in Zürich.

Q: Sie werden zitiert: „Die Lektion daraus ist, dass ich keine Beachtung mehr schenken muss, was über mich gesagt oder geschrieben wird. Letztes Endes habe ich wie ein Champion reagiert. Es mag überheblich erscheinen, so etwas zu sagen, aber ich fürchte mich nicht davor, es zu tun“. Sind das Ihre eigenen Worte?

A: Das habe ich gesagt, und falls nötig würde ich es auch wiederholen. Ich habe das Masters gewonnen – für mich zählt dieses Turnier wie ein fünfter Grand Slam -, ich habe auch bewiesen, dass ich, obwohl mich einigen Kritiken tief getroffen haben, all diese äußeren Faktoren beiseite lassen konnte, um mich auf das Spiel, mein Spiel zu konzentrieren.

Q: Sprechen wir mal über die Presse im allgemeinen, speziell die französische. Man hat Sie überall gesehen, besonders auch in sogenannten „People“-Magazinen. Aber seit einiger Zeit schon machen Sie sich dort eher rar. Ist das Ihre bewusste Entscheidung?

A: Sagen wir so, ich versuche mich so gut wie möglich zu schützen. Wenn ich bestimmte Dinge außerhalb des Tennis mache, verlasse ich mich auf mein Gefühl. Ob die Idee mir gefällt, oder nicht. Da steckt kein Kalkül dahinter. Aber es stimmt, als ich in Frankreich gelebt habe, fehlten die Verlockungen auf keinen Fall. (lächelt) Die Versuchungen auch nicht.

Q: Ist Genf, wo Sie leben, wenn Sie nicht gerade die Welt bereisen, ruhiger und diskreter?

A: Aber ja! Hier kann ich mit oder ohne meinen Hund spazierengehen, ohne dass die Leute mich besonders beachten. Sie lächeln mich an, einige grüßen auch, und das ist auch schon alles. Das gefällt mir.

Q: Ist Ihr Leben so, wie Sie es sich erträumt haben, als Sie jünger waren?

A: Ich habe nie davon geträumt. Ich habe mir nie gesagt: „Dein Leben wird so oder so sein, du wirst dies oder das tun!“ Für mich haben sich die Dinge ganz natürlich entwickelt. Ich habe mich verbessert, ich habe den Übergang vom Junior- zum Senior-Circuit fast reibungslos und ohne wirkliche Probleme geschafft. Aber, das stimmt, als ich jünger war, habe ich mir nicht vorgestellt, wie mein Leben sein wird.

Q: Sie sind 26 Jahre alt. Sagen Sie sich manchmal: „Ich habe 10, 15 Millionen auf dem Konto, mir kann nichts passieren“?

A: So denke ich nicht. Gleichzeitig sage ich mir, dass ich privilegiert bin: Ich habe meine Leidenschaft zum Beruf gemacht, habe schon sehr schöne Dinge erreicht, ich muss mich nicht fragen, ob ich später einen Job finden werde, und wovon ich mich ernähren soll. Dessen bin ich mir vollkommen bewusst. Gleichzeitig weiß ich, dass es Mühen und Opfer gebraucht hat, um dort hinzukommen, wo ich heute bin.

Q: Pardon, aber eine Million Dollar für den Masters-Sieg, das ist viel Geld, oder nicht?

A: Das ist viel, auch wenn die Steuer einen guten Teil davon bekommt. Aber man muss die Dinge sehen, wie sie sind: Ich gehöre zu den besten Tennisspielerinnen der Welt, ich habe das Glück, eine der wenigen Damen-Sportarten zu betreiben, wo es tatsächlich um viel Geld und viel Geschäft geht. Daher erscheint es mir logisch, dass wir unseren Teil des Kuchens bekommen. Das ist vielleicht einfach gesagt, aber ohne Spielerinnen gibt es einfach kein Damentennis oder das, was dazugehört. Ich kann verstehen, dass manche Menschen, vor allem diejenigen, die kaum über die Runden kommen, in diesen Zahlen etwas Anstößiges sehen.

Q: Ihr Name wird fast automatisch mit Roland-Garros in Verbindung gebracht, ein Turnier, das wie für Sie gemacht scheint, bei dem Sie aber noch nie sehr erfolgreich waren. Ist das ein Problem?

A: Ich habe in der Vergangenheit oft bewiesen, das ich Probleme habe, vor und während Roland-Garros gelassen zu bleiben. Zu meiner Verteidigung würde ich sagen, dass ich ebenso oft in den Wochen vor dem Turnier ziemlich gut gespielt habe: und plötzlich war ich für viele die Favoritin.

Q: Dieses Jahr haben Sie sich an Yannick Noah gewandt. Was haben Sie von dieser Zusammenarbeit erwartet, sich davon erhofft?

A: Wir haben stark daran gearbeitet, was er mir im psychologischen Bereich beibringen konnte. Und es stimmt, dass zwischen ihm und mir etwas ist, das ich nicht definieren könnte, das aber da ist, das existiert. Wir haben aber auch viel an meinem Spiel gearbeitet, an rein technischen Aspekten.

Q: Werden Sie das nächstes Jahr wiederholen?

A: Ich weiß es nicht. Im Moment ist nichts geplant. Yannick hat sein Leben, seine Verpflichtungen, es läuft gut für ihn mit der Musik.

Q: Sie leben weit weg von Frankreich. Bekommen Sie mit, was dort passiert? Wenn Sie die Jugendlichen sehen, die Jungs und Mädels Ihrer Generation, die in den Vorstädten Feuer legen, lässt Sie das kalt?

A: Natürlich nicht! Aber ich gebe zu, dass ich Probleme habe, es zu verstehen. Zu zerstören, kaputtzumachen, inklusive seiner eigenen Schulen, in der eigenen Umgebung, das ist etwas, das ich nicht nachvollziehen kann. Wir waren während der Ereignisse in den Vereinigten Staaten, und die amerikanische Presse hat das noch mehr dramatisiert. Ein solches Maß an Gewalt wirft für mich Fragen auf: Was sind ihre wahren Forderungen? Warum und wie ist es dazu gekommen?

Q: Eher Sarkozy oder eher Villepin?

A:  Ich bin mir nicht sicher, ob sie sich wirklich so sehr voneinander unterscheiden. Ihre Methoden schon, aber der Rest…

Q: Unvermeidbares Thema: Martina Hingis, die Rückkehr Akt II?

A: Als sie bekannt gegeben hat, dass sie aufhört, habe ich gedacht, dass sie gefühlt hat, dass sie nicht, nicht mehr mit den stärkeren Spielerinnen mithalten kann. Heute sagt sie, dass sie zurückkommen will. Ich bin erstaunt, aber auch neugierig.

Q: Sie kommt zurück… unter die besten zehn?

A: Ich würde sagen, wenn sie das schafft, wäre ich erstaunt.

Q: Mit einem Satz (A.d.R.: „Gegen Mauresmo zu spielen, ist wie gegen einen Mann zu spielen.“) hat Martina Hingis Sie sehr verletzt. Haben Sie mit ihr darüber gesprochen? Ist die Sache zwischen Ihnen geklärt?

A: Das ist mehr oder weniger geklärt, auch wenn es manchmal schwierig ist, sowas zu vergessen. Sagen wir so, es ist nicht geplant, dass wir den Urlaub gemeinsam verbringen.