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29.11.2005
Amélie
Mauresmo: ''Ich koste meinen Sieg noch aus''
Amélie
Mauresmo spricht über ihren Sieg beim Masters, ihre Fortschritte, ihre
Ambitionen und die kommende Saison.
Q:
Amélie, falls Sie nur ein einziges Bild von der Saison 2005 behalten
dürften, welches wäre das?
A: Das
finale Bild, das Bild, das diese Saison abschließt, also der Moment
des Sieges beim Masters in Los Angeles. Ich habe die Bilder noch nicht
wieder angeschaut. Ich habe nur ein paar Fotos gesehen, aber ich muss
mir das wirklich noch mal anschauen. Das war ein großer emotionaler
Moment mit viel Adrenalin, Bilder, die man gern im Gedächtnis behält.
Q:
Dieses Finale gegen Mary Pierce, war das das beste Match ihrer
Karriere?
A:
Wahrscheinlich. Für ein perfektes Match müssen die beiden Spielerinnen
sehr gutes Tennis spielen, was in diesem Finale der Fall war. Die Art,
wie ich das Match gemeistert habe, wie es abgelaufen ist, auch die
Dauer des Matches, denn es hat lange, sehr lange gedauert – all das
macht es zu einem der größten Matches meiner Karriere.
Q: Ist
dieses Match eine Art Auslöser für Sie?
A: Ich
würde vielleicht eher « großer Schritt » sagen. Das ist ein wichtiger
Schritt in meiner Karriere. Wie ich schon gesagt habe, weiß ich nicht,
wohin mich das führen wird. Aber sicher ist, dass das für mich ein
wichtiger Moment ist. In Bezug auf meine Entwicklung, nach was ich
strebe, in Bezug auf die Gelassenheit, die ich während des gesamten
Turniers hatte, und auch in Bezug auf das Tennis, das ich gespielt
habe. Ich glaube, dass ich in Los Angeles ein ziemlich perfektes
Tennis gespielt habe. Es gibt also einige kleine sehr interessante
Dinge, die es mir, so hoffe ich, ermöglichen werden, vielen Lehren für
die kommende Saison ziehen zu können.
Q: Das
Masters zu gewinnen, was verändert das im Alltagsleben?
A: Im
Grunde genommen ändert das gar nichts, was meine Person betrifft, die
Menschen, die mir nahe stehen, oder in Bezog auf die tennistechnische
Arbeit. Im Moment ist es das Gefühl, seine Arbeit gut gemacht zu
haben, etwas Außerordentliches geschafft zu haben. Nach dem Match war
ich wie weggetreten! Und das ist immer noch ein bisschen so, da ist
immer noch eine gewisse Euphorie. Außerdem war es das letzte Turnier
des Jahres. Das ist das einzige Mal im Jahr, wo nichts mehr folgt und
man wirklich das auskosten kann, was passiert ist. Und man stellt
nicht gleich sein Tennis wieder in Frage, wie es praktisch jede Woche
wieder in der Saison der Fall ist.
Q: Die
Saison auf diese Weise gegen Mary Pierce abzuschließen, gibt das der
Sache noch mehr Würze?
A: Das
ist eine nette Sache für uns beide. Für Mary, die seit Roland Garros
richtig abgeräumt hat. In der zweiten Saisonhälfte war sie mit Kim
Clijsters eine der zwei Spielerinnen, die die Tour dominiert haben.
Was mich betrifft, ich hatte ein Saison mit mehr Höhen und Tiefen. Wir
repräsentieren zwei Facetten, zwei ganz unterschiedliche Profile von
Spielerinnen, die am Ende aufeinandertreffen. Und obendrein zwei
Französinnen, die nicht wenige Dinge durchlebt haben und vor allem
einen etwas schwierigen Moment im Fed Cup! Wir waren in diesem Moment
traurig und gegen die jeweils andere zu spielen war etwas Spezielles.
Aber im Gegensatz zu unseren früheren Begegnungen konnten wir all das
beiseite lassen, um zu spielen und unser reines Tennis für sich
sprechen zu lassen.
Q: Hat
das verlorene Fed-Cup-Finale auf Roland Garros gegen die Russinnen
einen kleinen bitteren Nachgeschmack hinterlassen?
A:
Nein, keinen bitteren Nachgeschmack. Ich bin enttäuscht wegen des
Endresultats, aber auch stolz auf die Begeisterung, die wir
hervorgerufen haben, darauf, wie die Leute direkt reagiert haben. Und
wir haben das Stadion Roland Garros gefüllt, an beiden Tagen, und das
war die wahre Herausforderung. Viele Leute waren skeptisch, ob wir so
viele Zuschauer anlocken könnten. Aber trotz allem, im Nachhinein,
bleibt die Enttäuschung, aber auch ein großer Stolz. Und ich hoffe,
dass uns das 2006 zu weiteren großen Begegnungen führen wird. Wir
haben ein Draw und ein Team, die es uns erlauben müssten, erfolgreich
zu sein.
Q: Sie
waren vergangenes Jahr die Nr. 1 der Welt, Sie haben 2003 den Fed Cup
gewonnen und dieses Jahr das Masters. Es fehlt nur noch ein Grand
Slam-Sieg in Ihrer Liste. Haben Sie mit dem Masters-Sieg eine Barriere
überwunden? Gehen Sie jetzt die Grand Slams anders an?
A: Ja,
ich denke, dass damit eine Barriere gefallen ist. Ich habe von einem
großen Schritt gesprochen. Ich denke, dass es wichtig für mich war, zu
beweisen, dass ich solche Hürden überwinden kann. Ich hatte schon
immer meinen eigenen Rhythmus in meiner Entwicklung. Manchmal finde
ich ihn langsam, aber so ist das nun mal! Der Vorteil ist, dass ich
dadurch die Bedeutung der Grand Slams etwas relativieren kann. Die
Leistung, die ich in Los Angeles über fünf Tage hinweg gegen Top
8-Spielerinnen zeigen konnte, ist aus tennistechnischer Sicht fast
wichtiger, als einen Grand Slam zu gewinnen. Ein Grand Slam ist ein
viel länger dauerndes Turnier mit Warte-Phasen, die nicht leicht
auszufüllen sind, was mir vielleicht etwas weniger liegt. Wir werden
sehen, ob ich das auf einer Dauer von zwei Wochen übertragen kann.
Q: Sie
haben von Ausgeglichenheit während des Masters gesprochen. Ist das ein
neues Gefühl, dass Sie noch nie während eines Grand Slams hatten?
A: Ich
meiner Karriere habe ich solche Momente großer Gelassenheit wie beim
Masters nicht oft erlebt. Letztes Jahr war es der Fall, nachdem ich
Nr. 1 geworden bin. Praktisch den ganzen letzten Teil der Saison über
hatte ich diese Geisteshaltung, sehr buddhistisch. Auch während der
Fed-Cup-Begegnungen 2003 hatte ich das Gefühl, dass mir nichts
Schlimmes passieren kann. Da war Guy Forget auf dem Platz, das war
eine etwas andere Situation. Das ist immer schwierig, damit umzugehen,
genau zu wissen, was zu dieser Gelassenheit führt und wie man das
wiederholen kann… Ich suche, arbeite mich tastend voran, und von Zeit
zu Zeit finde ich einen kleinen Schlüssel, kleine Lösungen, die mir
erlauben, mich gut zu fühlen.
Q:
Glauben Sie, dass Sie mit 26 Jahren noch besser werden können?
A: Ja,
das ist ja das Interessante und Witzige daran. Ich habe das Glück, mir
meiner Stärken bewusst zu sein, aber auch dessen, dass es noch Dinge
zu tun gibt. Das ist nichts Gewaltiges, aber kleine Dinge auf der
Vorhand, auf der Rückhand, an denen noch gefeilt, die noch verbessert
werden können. Das ist ziemlich interessant, sich in dieser Lage zu
befinden, mit der Karriere, die ich schon hinter mir habe. Aber ich
sehe das heute als Vorteil.
Q: Was
gibt es noch zu verbessern?
A: Wir
haben eben von Gelassenheit gesprochen, und wie ich es schaffen kann,
diese zu erreichen. Aus eher technischer Sicht arbeite ich weiter am
Aufschlag, an der Vorhand, der Positionierung auf dem Court. Es gibt
viele kleine Dinge, über die man sich täglich nicht wenig den Kopf
zerbricht, um sie zu verbessern. Ich werde auch versuchen, mein Spiel
am Netz zu verbessern, um es sparsam einzusetzen, wie ich es in Los
Angeles getan habe. Das wichtige ist richtige Entscheidung. Wenn ich
ans Netz muss, gehe ich ans Netz, wenn ich an der Grundlinie bleiben
muss, bleibe ich an der Grundlinie. Die Parole lautet richtige
Entscheidung!
Q: Die
Australien Open stehen sehr bald vor der Tür. Man sagt oft, dass Ihnen
dieses Grand Slam-Turnier am meisten liegt. Wie werden Sie es angehen?
A: Es
stimmt, dass das zu Beginn meiner Karriere ein Turnier war, das mir
ziemlich zugesagt hat. Später bin ich mich darüber im Klaren geworden,
dass Wimbledon, auf Rasen, wirklich gut für mich ist. Wir werden
sehen. Und auch wenn es stimmt, dass es ziemlich bald stattfindet,
plane ich noch nicht für die Saison 2006. Ich bin noch dabei, meinen
Sieg beim Masters auszukosten!
Q:
Aber Sie beabsichtigen schon, auf der Welle weiterzuschwimmen, oder?
Sie haben das letzte große Turnier des Jahres gewonnen, da wird
einiges von Ihnen erwartet werden…
A: Ja,
aber was kann noch mehr erwartet werden als vorher? Ich bin mir da
nicht sicher. Ich denke nicht, dass das irgendwas ändert! Ich glaube
einfach, dass mir das erlaubt, diese Art Turnier etwas zu
relativieren. Ich werde sie jetzt mit mehr Abstand angehen.
Q: Die
vier Grand Slams und das Masters wurden dieses Jahr von fünf
verschiedenen Spielerinnen gewonnen. Lindsay Davenport ist das zweite
Jahr in Folge die Nr. 1, ohne dieses Jahr einen Grand Slam gewonnen zu
haben. Gibt es also keine feste Hierarchie mehr auf der Damen-Tour?
A: Ich
denke, dass es für eine Spielerin schwierig werden wird, die gesamte
Saison über zu dominieren, wie es der Vergangenheit der Fall war. Die
Kräfte werden sich eher auf fünf oder sechs Spielerinnen verteilen,
vielleicht auch acht oder sogar zehn, die Chancen auf einen Grand
Slam-Titel haben oder die Nr. 1 werden können. Wir haben auch gesehen,
dass Sharapova diese Saison die Nr. 1 geworden ist, ohne einen Grand
Slam gewonnen zu haben. Viel ist möglich, und das ist ziemlich offen,
auch wenn Kim Clijstes einen großen Teil der Saison über dominierend
war.
Q:
Gehören Sie zu diesen Anwärterinnen?
A: Ich
beende das Jahr als Nr. 3 und habe deutlich bewiesen, dass ich meinen
Platz in Los Angeles habe, wie ich es letztes Jahr bewiesen habe, als
ich Nr. 1 wurde. Da geht was, muss gutes Timing sein.
Q: Was
ist Ihr Wunsch für 2006?
A: So
lange wie möglich die Emotionen, die guten Schwingungen
aufrechterhalten zu können, die ich während der beiden letzten
Turniere des Jahres, in Philadelphia und beim Masters, empfunden habe.
Q:
Zwei Französinnen befinden sich in den Top 5 der Welt…
A: Das
ist eine historische Sache! Es war schon historisch für uns, im Finale
zu sein, historisch, dass eine Französin gewonnen hat. Und es ist
historisch, dass wir beide die Saison in den Top 5 beenden. Das war
wirklich ein außergewöhnliches Jahr für das französische Damentennis.
Wir sind stolz!
Q:
Zumal Sie zuerst befreundet und erst dann Gegnerinnen sind…
A:
Auch das macht das besondere dieses Ereignisses aus. Wir waren
Gegnerinnen im letzten Match der Saison, aber während des gesamten
Jahres waren unsere Wege verbunden. Nicht nur auf dem Platz, auch
außerhalb davon. Das ist eine nette Sache.
Q: Wie
sieht Ihr Programm für die nächsten Tage und Wochen aus?
A:
Ich nehme diese Woche langsam wieder das Training auf, in Bezug auf
die Physis. Aber ich glaube nicht, dass ich schon den Schläger in die
Hand nehmen werde. Viel ernster wird es dann ab nächsten Montag, wenn
das Trainingslager in Alpes d’Huez beginnt. Diese physische
Vorbereitung ist eine gute Lösung, und wie immer gehen wir zum
tennistechnischen Teil in der zweiten Hälfte der Vorbereitung über.
Q:
Können Sie es kaum erwarten, den Schläger wieder in die Hand zu
nehmen?
A:
Auch wenn der Urlaub ein wenig kurz war, habe ich doch Lust zu
spielen. Das ist ein gutes Zeichen!“ |
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